Zwei Männer kommen.
Sie sind Freunde – heimliche Freunde zwar, aber nichtsdestotrotz Freunde. „Du kannst ihn herunterlassen, Soldat. Ich nehme ihn mit.“

Der Soldat lehnt die Leiter an das Kreuz in der Mitte, steigt hoch und entfernt den Keil, der den Querbalken gehalten hat. Zwei andere Soldaten, froh, dass sie es für heute bald geschafft haben, lassen das schwere Gewicht des Balkens mit der Leiche langsam ab.

„Vorsichtig“, mahnt Josef.
Die langen Nägel werden aus dem Holz gezogen. Der Körper wird auf den felsigen Untergrund gerollt.
„Bitte“, sagt der Wachposten mit einer entsprechenden Handbewegung und deutet auf den Toten, „er gehört euch.“
Er grinst.

Die Arbeit ist ungewohnt für die beiden Männer. Dennoch arbeiten sie flink.
Josef von Arimathäa kniet am Kopfende von Jesus und reinigt vorsichtig das zerschundene Gesicht. Er hat ein weiches feuchtes Tuch mitgebracht, damit wischt er das verkrustete Blut ab, Blut von Gethsemane, Blut von den Peitschenhieben, Blut von der Dornenkrone. Dann schließt er ihm behutsam die Augen.

Nikodemus hat unterdessen das weiße Tuch ausgebreitet, das Josef mitgebracht hat. Die beiden jüdischen Führer heben gemeinsam den toten Körper an und legen ihn auf das Tuch. Nun wird der Leichnam an einigen Stellen dem Ritual folgend mit duftenden Ölen eingerieben.
Als Nikodemus die Wangen des Meisters mit feiner Aloe betupft, kann er seine mühsam unterdrückte Trauer nicht mehr zurückhalten. Seine Tränen fallen auf das Gesicht des gekreuzigten Königs. Er lehnt sich zurück, wischt sich über die Augen. Der schon ergraute Jude lässt seinen Blick lange auf den gequälten und doch friedlichen Zügen des jungen Galiläers ruhen.

Die Oberschicht Jerusalems wird nicht begeistert sein, dass zwei religiöse Führer diesen Revolutionär bestatten. Aber für Josef und Nikodemus war das nebensächlich. Ihre Entscheidung stand fest. Die Rettung ihrer Seele war ihnen wichtiger als ihr guter Ruf.

„(Josef aus Arimathäa) ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, man sollte ihm ihn geben.“ Matthäus 27,58

Über den Autor

Dirk Farr ist Gründungspastor der JKB Treptow in Berlin und Leiter des Bereichs Gemeindegründung bei der Liebenzeller Mission. Darüber hinaus coacht er junge Leiter in interkulturellen und internationalen Aufgaben.

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